Stundensatz oder Projektpreis: Welche Abrechnung lohnt sich wann?
Zwischen 70 und 200 Euro pro Stunde bewegt sich 2025/2026 die Spanne, in der Kreativ- und Medienagenturen im DACH-Raum ihre Leistung verkaufen.

Der Durchschnitt liegt bei rund 130 Euro, freie Dienstleister in Deutschland landeten laut Freelancer-Kompass 2024 im Mittel bei 102 Euro. Wer deutlich darunter kalkuliert, signalisiert entweder Anfängerstatus oder chronische Unterauslastung. Wer deutlich darüber liegt, braucht einen Track-Record, der die Preisaufschläge rechtfertigt, oder Kunden, die nicht rechnen. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, wie viel die Stunde kostet, sondern welches Abrechnungsmodell die Stunde überhaupt zur richtigen Verrechnungseinheit macht.
Was die Preisstruktur im Agenturmarkt 2025/2026 verrät
Die Spanne zwischen 70 und 200 Euro pro Stunde ist kein Zufall, sondern Ausdruck dreier Faktoren: Spezialisierung, Standort und Geschäftsmodell. Inhabergeführte Kleinagenturen arbeiten häufig mit 110 bis 140 Euro. Spezialisierte Boutiquen mit klarem Themenfokus liegen darüber, Full-Service-Häuser mit hohen Overhead-Kosten ebenfalls. Wer als Einzelunternehmerin startet, sollte sich am Freelancer-Durchschnitt von rund 102 Euro orientieren, dabei aber ehrlich kalkulieren: Krankenversicherung, Software, Steuern und Akquise-Zeit schlagen voll durch, sobald der Stundensatz unter 90 Euro fällt.
Die zweite Dimension sind Projektgrößen. Für klar definierte Medienprojekte wie eine Website, eine Podcast-Staffel oder eine Videoproduktion liegt der typische Rahmen zwischen 1.500 und über 15.000 Euro, je nach Tiefe und Reichweite. Wer hier in Festpreisen denkt, bewegt sich in einem ganz anderen Margenraum als bei reiner Zeitabrechnung. Laufende Betreuung, etwa Social Media Management oder kontinuierliche PR-Arbeit, wird üblicherweise über monatliche Retainer abgerechnet, die typischerweise zwischen 500 und über 5.000 Euro monatlich liegen.
Der Stundensatz ist der Preis für Ungewissheit. Die Projektpauschale ist der Preis für Klarheit. Der Retainer ist der Preis für Beziehung.
Stundensatz als kalkuliertes Sicherheitsnetz
Die stundenbasierte Abrechnung wirkt auf den ersten Blick wie der fairste Kompromiss: Jede Minute Arbeit wird bezahlt, jeder Mehraufwand ist gedeckt. Tatsächlich ist sie das Modell der Wahl, wenn der Leistungsumfang nicht klar definiert ist oder sich während des Projekts ändern wird. Beratungsgespräche, initiale Strategie-Workshops, Sondierungsphasen, Krisenkommunikation oder Projekte mit hoher Änderungswahrscheinlichkeit gehören in diese Kategorie. Wer hier mit Festpreis arbeitet, übernimmt das Risiko des Kunden und bezahlt am Ende dafür.
Allerdings hat die Stundensatz-Logik einen systematischen Nachteil: Sie bestraft Effizienz. Wer durch Vorlagen, spezialisierte Tools oder jahrelange Routine eine Aufgabe in der halben Zeit erledigt, verdient bei reiner Zeitabrechnung auch nur die Hälfte. Das ist betriebswirtschaftlich widersinnig. Eine Agentur, die ihre Prozesse konsequent standardisiert, sollte diese Effizienzgewinne nicht an den Kunden weitergeben, sondern als Marge einbehalten. Genau hier beginnt die Logik der Projektpauschale zu greifen.
Projektpauschale: Warum Standardisierung die Marge macht
Wer ein Projekt exakt beschreiben kann, klar definierte Deliverables liefert und über spezialisierte Tools oder Workflows verfügt, arbeitet mit Projektpreisen strukturell profitabler als mit Stundensatz. Der Mechanismus ist einfach: Eine Podcast-Folge mit Briefing, Aufnahme, Schnitt und Veröffentlichung kostet in der Erstellung für eine geübte Produzentin vielleicht acht Stunden. Wird sie zum Stundensatz von 120 Euro abgerechnet, sind das 960 Euro. Wird das gleiche Ergebnis als standardisierte Pauschale für 1.500 Euro verkauft, liegt die Marge bei deutlich über 50 Prozent, sofern die Effizienz stimmt. Genau diese Differenz ist der Grund, warum skalierbare Agenturen Projektpreise gegenüber reinen Stundenrechnungen bevorzugen.
Die Voraussetzung ist allerdings klar: Ohne sauberes Briefing kein Festpreis. Wer Pauschalen ohne Scope-Dokumentation anbietet, lädt Scope Creep ein, also schleichende Erweiterungen des Leistungsumfangs ohne Budgetanpassung. Das ist der häufigste Killer junger Agenturen. Eine wirkungsvolle Gegenmaßnahme ist die schriftliche Leistungsbeschreibung mit klar abgegrenzten Inklusiv-Leistungen, definierten Revisionsschleifen (typischerweise zwei Korrekturschleifen) und einer expliziten Liste dessen, was nicht im Preis enthalten ist. Wer das von Anfang an etabliert, schützt die Marge und signalisiert dem Kunden Professionalität.
| Kriterium | Stundensatz | Projektpauschale | Monatlicher Retainer |
|---|---|---|---|
| Risikoverteilung | Kunde trägt Mengenrisiko | Anbieter trägt Effizienzrisiko | Geteilt, mit definierten Kontingenten |
| Anreizwirkung | Anreiz zur Zeitausweitung | Anreiz zur Effizienzsteigerung | Anreiz zur Kundenbindung |
| Skalierbarkeit | Begrenzt durch verfügbare Stunden | Hoch bei standardisierten Prozessen | Hoch bei wiederkehrender Leistung |
| Eignung | Beratung, Sondierung, variable Projekte | Klare Briefings, definierte Deliverables | Laufende Betreuung, Content-Produktion |
| Typischer Rahmen DACH | 70–200 €/h, Median ca. 130 €/h | 1.500–15.000 €+ je Projekt | 500–5.000 €+ pro Monat |
Die Tabelle zeigt die strukturellen Unterschiede. Sie entscheidet nicht, welches Modell moralisch überlegen ist, sondern welches wirtschaftlich zur jeweiligen Leistung passt.
Retainer: Cashflow-Planung statt Projekt-Hopping
Monatliche Pauschalen für laufende Betreuung sind im Marketing- und Medienbereich längst Standard, besonders bei Social Media Management, Content-Produktion und kontinuierlicher Pressearbeit. Der Reiz für die Anbieterseite liegt auf der Hand: Planbarer Umsatz, bessere Auslastung, langfristige Kundenbeziehung statt ständiger Akquise. Der Reiz für die Kundenseite ist die Verlässlichkeit: fester Ansprechpartner, definierte Leistungskontingente, keine Projektverhandlungen alle vier Wochen.
Allerdings ist der Retainer nur dann profitabel, wenn die Kapazitätsplanung sauber ist. Wer einen Retainer für monatlich 2.500 Euro verkauft und dafür 30 Stunden Leistung kalkuliert, gerät sofort in Schieflage, wenn der Kunde regelmäßig 50 Stunden abruft. Die Lösung liegt in zwei klaren Mechanismen: einem definierten Stunden- oder Leistungskontingent im Vertrag und einer transparenten Regelung, was bei Überlastung passiert (Aufpreis pro Stunde oder Erweiterung des Retainers). Retainer funktionieren am besten, wenn die Zusammenarbeit läuft und beide Seiten die Spielregeln kennen. Wer den Retainer als Einstiegsmodell für Neukunden nutzt, ohne vorher Vertrauen aufgebaut zu haben, baut sich eine Konfliktquelle ein.
Scope Creep: Die teuerste Lektion jeder Pauschale
Scope Creep ist der schleichende Tod jeder Projektpauschale. Der Kunde schickt eine WhatsApp mit der Bitte um eine kleine Änderung. Dann kommt ein zusätzlicher Schnitt. Dann fällt ein, dass auch noch ein Trailer gebraucht wird. Und am Ende steht eine Rechnung von 4.000 Euro für eine Pauschale, die mit 2.500 Euro kalkuliert war. Wer das nicht aktiv steuert, arbeitet de facto zum halben Stundensatz.
Die Gegenstrategie ist nicht paranoid, sondern professionell. Drei Hebel wirken nachweislich:
1. Schriftlicher Scope vor Projektstart mit Liste der Inklusiv-Leistungen, definierter Anzahl an Revisionen und explizitem Ausschluss von Zusatzleistungen.
2. Aktive Kommunikation während des Projekts, sobald Anfragen außerhalb des Scopes kommen. Ein kurzes Signal wie „Das wäre außerhalb der Vereinbarung, ich kann das gerne als Zusatzleistung für X Euro anbieten" sortiert die Mehrzahl der Anfragen aus.
3. Konsequenter Aufpreis statt kostenloser Gefälligkeit. Wer einmal ohne Aufpreis nachlegt, signalisiert dem Kunden, dass Zusatzleistungen zum Lieferumfang gehören.
Eine Projektpauschale ohne klaren Scope ist kein Geschäftsmodell, sondern ein ehrenamtlicher Kredit an den Kunden.
Welches Modell wann
Die ehrliche Antwort auf die Titelfrage lautet: Es kommt auf die Reife des eigenen Geschäftsmodells an. Wer startet und noch keinen Track-Record hat, beginnt typischerweise mit dem Stundensatz, weil er das geringste Risiko birgt und die Kundenakzeptanz am höchsten ist. Wer dann Prozesse standardisiert, Vorlagen entwickelt und Workflows mit KI-Tools verschlankt, sollte schrittweise auf Projektpauschalen umstellen, weil dort die Marge liegt. Und wer eine kritische Masse an Bestandskunden hat, die laufende Betreuung brauchen, ergänzt das Portfolio um Retainer, um Cashflow und Auslastung zu glätten.
Die drei Modelle schließen sich nicht aus, sie ergänzen sich. Beratung und Sondierung laufen über Stundensatz. Definierte Produkte (Podcast-Folge, Video-Schnitt, Website-Relaunch) laufen über Pauschale. Laufende Betreuung läuft über Retainer. Wer das bewusst trennt, hat drei Hebel für drei unterschiedliche Marktsegmente. Wer alles in einen Topf wirft und nach Bauchgefühl entscheidet, arbeitet entweder zu günstig oder verheizt seine Marge. Am Ende ist die Frage nicht, welches Abrechnungsmodell moralisch überlegen ist, sondern welches die eigene Zeit am profitabelsten verwertet. Alles andere ist Selbsttäuschung.