Kreativprojekt-Start: Was vor dem Kick-off bereitstehen muss
Wer eine Kreativagentur beauftragt, ohne vorher ein Briefing zu schreiben, der kauft ein Auto, ohne den Führerschein zu kennen: Man kommt irgendwie an, aber das Risiko eines teuren Fehlstarts ist real.

In der Praxis entstehen die ersten unnötigen Kosten oft nicht durch schlechte Ideen, sondern durch fehlende Antworten. Warum gibt es das Projekt? Für wen wird es gemacht? Was soll am Ende vorliegen? Welche Rahmenbedingungen gelten? Und wo beginnt der kreative Freiraum?
Ein fundiertes Briefing ist deshalb keine Bürokratie, sondern das erste Steuerungsinstrument im Projekt. Es schafft keine Garantie für eine gute Idee. Aber es verhindert, dass Auftraggeber und Agentur an unterschiedlichen Aufgaben arbeiten und das erst bemerken, wenn bereits Konzepte, Entwürfe oder Produktionsschritte bezahlt sind.
Wer bei der Vorbereitung spart, zahlt häufig später drauf. Ein gutes Briefing kann Revisionsschleifen verkürzen, Entscheidungen beschleunigen und unnötige Eskalationsmeetings vermeiden. Wer ohne geklärten Auftrag in den Kick-off geht, lädt die Agentur ein, das Projekt zu interpretieren. Interpretation ist Teil kreativer Arbeit – sie braucht aber Zeit, und sie kann in eine Richtung laufen, die der Auftraggeber nie beabsichtigt hat.
Wer die Kreativarbeit der Agentur überlässt, kauft eine Wette statt einer Kampagne.
Die fünf Säulen eines fundierten Briefings: Warum, für wen und was
Ein Briefing ist kein Roman, sondern eine Arbeitsgrundlage mit wenigen, dafür belastbaren Antworten. Diese Antworten müssen nicht jedes Detail vorwegnehmen. Sie sollen den Ausgangspunkt so klar machen, dass die Agentur zwischen einem echten Problem und einer bloßen Vorliebe unterscheiden kann.
Fünf Fragen gehören in jedes Briefing:
- Warum wird das Projekt gestartet? Ohne klaren Anlass wird jede kreative Lösung zu einer kreativen Ausrede. Hier geht es um die Marktsituation, den Wettbewerbsdruck, einen Produktlaunch, eine Repositionierung oder einen konkreten geschäftlichen Zweck.
- Für wen ist das Ergebnis gedacht? Die Zielgruppe muss greifbar werden: mit ihren Erwartungen, Gewohnheiten, Problemen und den Kanälen, in denen sie erreicht werden soll. „Alle“ ist keine Zielgruppe, sondern ein Hinweis darauf, dass die Positionierung noch nicht entschieden ist.
- Was soll am Ende vorliegen? Liefergegenstände, Formate und Kanäle müssen benannt werden. Ein Podcast, ein Social-Media-Asset, ein Film, eine Kampagne oder ein Brand-Refresh folgen unterschiedlichen Produktionslogiken.
- Welche Rahmenbedingungen gelten? Budget, Pflichtelemente, rechtliche Einschränkungen, technische Vorgaben und vorhandene Materialien beeinflussen den Lösungsraum.
- Wo liegt der kreative Freiraum? Hier wird festgelegt, was gesetzt ist und was die Agentur entwickeln darf. Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob sie als strategischer Partner arbeitet oder nur eine bereits beschlossene Idee ausführt.
Diese Fragen lassen sich nicht für jedes Projekt mit derselben Geschwindigkeit beantworten. Ein kurzer Social-Media-Auftrag für eine etablierte Marke braucht eine andere Vorbereitung als eine neue Podcast-Serie, ein Markenrelaunch oder ein medienübergreifendes Format. Auch die Branche spielt eine Rolle: In regulierten Märkten müssen rechtliche und fachliche Vorgaben früher geklärt werden als bei einem Projekt mit größerem experimentellem Spielraum.
Die Agentur kann nur dann liefern, wenn der Auftraggeber vorher geliefert hat. Das Briefing ist Chefsache – nicht, weil die Geschäftsführung die kreativste Person im Raum sein muss, sondern weil sie Geschäftsziel und Markenrealität zusammenbringen kann. Diese Verantwortung darf anschließend delegiert werden. Sie darf aber nicht verschwinden.
Problem statt Lösung: Warum kreativer Freiraum den Projekterfolg sichert
Der häufigste Fehler im Briefing ist die vorweggenommene Lösung. Der Auftraggeber gibt der Agentur die visuelle Idee, das Format oder den Ablauf bereits vor und beschreibt nicht mehr, welches Problem damit gelöst werden soll. „Wir wollen ein oranges Logo mit verspieltem Schriftbild“ ist kein Briefing, sondern eine Designentscheidung. Sie kann richtig sein. Sie kann aber auch nur das Symptom einer ungeklärten Positionierung darstellen.
Ein Briefing sollte das Problem definieren, nicht die Antwort vorsagen. Die Agentur wird für Problemlösungskompetenz beauftragt – nicht dafür, Pixel nach einem internen Diktat zu verschieben. Wer die Lösung bereits vollständig vorgibt, braucht möglicherweise keine Kreativagentur, sondern eine Produktionsdienstleistung.
Wer die Lösung im Briefing mitliefert, kauft keine Strategie, sondern nur noch die Ausführung der eigenen Idee.
Das bedeutet nicht, dass Auftraggeber keine Vorstellungen äußern dürfen. Im Gegenteil: Vorlieben, Erfahrungen und interne Diskussionen gehören in den Kontext. Entscheidend ist, wie sie formuliert werden. Eine Vorgabe wie „kein verspielter Look“ ist weniger hilfreich als die Erklärung, dass die Marke in einem technisch geprägten Umfeld Vertrauen und Präzision vermitteln muss. „Wir wollen einen Podcast mit zwei Hosts“ sagt weniger aus als die Information, welche Beziehung zur Zielgruppe aufgebaut werden soll und welche Rolle das Format im Kommunikationsmix übernimmt.
Konkret sollten Auftraggeber drei Ebenen auseinanderhalten:
1. Das Problem: Was funktioniert heute nicht oder noch nicht? Fehlt Sichtbarkeit, Vertrauen, Verständnis, Differenzierung oder eine klare Aktivierung?
2. Die gewünschte Wirkung: Was soll sich beim Publikum verändern? Soll es eine Marke anders wahrnehmen, ein Angebot verstehen, eine Handlung ausführen oder dauerhaft wiederkommen?
3. Die mögliche Umsetzung: Welche Formate, Bilder, Stimmen oder Kanäle könnten dafür geeignet sein?
Die ersten beiden Ebenen gehören zwingend ins Briefing. Die dritte darf als Vermutung, Referenz oder Arbeitshypothese auftauchen – sie sollte aber nicht als unverrückbare Lösung verkleidet werden.
Ein praktisches Beispiel: Statt der Vorgabe „Wir wollen einen 30-Sekunden-Spot mit Sprecher und Musik“ gehört in ein gutes Briefing eher die Aufgabe, eine Awareness-Kampagne zu entwickeln, die eine bestimmte Zielgruppe in den ersten Sekunden erreicht und einen klaren Markeneindruck hinterlässt. Der erste Satz beschreibt ein Format, der zweite eine Funktion. Das Format kann sich im Prozess verändern. Die Funktion bleibt der Prüfstein.
Markenidentität und Tonalität: Die visuelle und sprachliche Leitplanke
Eine Kreativagentur ohne Markenrichtlinien arbeitet nicht völlig blind. Sie arbeitet aber mit einem größeren Interpretationsrisiko. Markenwerte, Corporate Design und Tonalität sind keine Fesseln für gute Ideen. Sie markieren den Bereich, in dem eine Idee zur Marke passt und nicht nur für sich genommen interessant aussieht.
Was vor dem Kick-off in den Briefing-Ordner gehört, hängt vom Reifegrad der Marke ab. Bei einer etablierten Marke können vorhandene Richtlinien, Kampagnen und Kommunikationsbeispiele den Rahmen bilden. Bei einem jungen Unternehmen muss dieser Rahmen womöglich erst gemeinsam geschärft werden. Beides ist legitim. Nur sollte das Projekt nicht so tun, als sei die Markenidentität bereits eindeutig, wenn sie intern noch verhandelt wird.
Hilfreich sind vor allem diese Informationen:
- Markenwerte und Positionierung: Wenige präzise Sätze sind besser als eine lange Sammlung austauschbarer Adjektive. „Innovativ, modern, dynamisch“ beschreibt fast jede Marke und damit keine besonders gut.
- Corporate-Design-Manual: Logo, Farbpalette, Typografie, Bildsprache und Regeln für bestehende Touchpoints zeigen, was übernommen, weiterentwickelt oder bewusst aufgebrochen werden soll.
- Visuelle Präferenzen und Tabus: Eine Begründung ist wertvoller als ein Geschmacksurteil. „Kein Pink“ hilft wenig; die Erklärung, warum bestimmte Farbcodes in der Branche nicht zur gewünschten Positionierung passen, schon.
- Kommunikationsstil: Soll die Marke sachlich, nahbar, pointiert, provokant oder erklärend sprechen? „Modern“ ist keine Tonalität, sondern zunächst eine Erwartung.
- Referenzbeispiele: Drei gute Beispiele können mehr klären als ein unkommentiertes Moodboard. Entscheidend ist, was genau daran funktioniert: die Bildsprache, die Dramaturgie, die Direktheit, die Informationsdichte oder die Haltung.
- Bisherige Markensignale: Bestehende Kampagnen, erfolgreiche Inhalte und auch Formate, die nicht funktioniert haben, helfen der Agentur, nicht bei null anzufangen.
Gerade bei Podcast- und Medienprojekten wird die sprachliche Leitplanke oft unterschätzt. Eine Marke kann visuell präzise definiert sein und trotzdem nicht wissen, wie sie klingt. Soll ein Podcast eher redaktionell, persönlich, investigativ, unterhaltend oder beratend wirken? Wie viel Nähe ist erwünscht? Darf Humor entstehen, und wenn ja, welcher? Wer diese Fragen offenlässt, überlässt die Tonalität dem Produktionsprozess – und muss später womöglich eine ganze Serie neu bewerten.
Kreativer Freiraum funktioniert nicht dort, wo alles offen ist, sondern dort, wo klar ist, was nicht verloren gehen darf.
Zeitmanagement und Meilensteine: Puffer für Feedbackschleifen einplanen
Ein Kick-off ohne belastbaren Zeitplan ist kein Startpunkt, sondern eine Verschiebung der Planung. Vor dem ersten Termin sollte zumindest feststehen, welche Entscheidungen wann gebraucht werden und welche Abhängigkeiten den Ablauf bestimmen.
Das gilt besonders für Medienprojekte. Bei einer Podcast-Produktion hängen Konzeption, Redaktion, Aufnahme, Schnitt, Musik, Sprecher, Freigaben und Veröffentlichung voneinander ab. Bei einer Kampagne kommen häufig noch Media-Planung, Adaptionen und die Abstimmung mit weiteren Dienstleistern hinzu. Ein Terminplan, der nur den Veröffentlichungstag enthält, beschreibt noch kein Projekt.
Ein sinnvoller Plan unterscheidet mindestens zwischen diesen Phasen:
| Phase | Was vorliegen sollte | Wovon der nächste Schritt abhängt |
|---|---|---|
| Beauftragung und Auftakt | geklärtes Briefing, Zuständigkeiten und Arbeitsrahmen | interne Freigabe des Auftrags |
| Konzeption | strategische Richtung, Formatidee oder erste kreative Leitidee | gebündeltes Feedback und klare Entscheidung |
| Zwischenstand | belastbare Entwürfe, Skript, Storyboard oder Pilotfassung | Prüfung gegen Ziel, Marke und technische Anforderungen |
| Produktion | abgestimmte Produktionsunterlagen und verfügbare Assets | rechtzeitige Zuarbeit und Besetzung |
| Abnahme und Veröffentlichung | finale Dateien, Freigaben und Veröffentlichungsplan | Entscheidung der zuständigen Person |
Die Dauer jeder Phase ist projekt- und branchenabhängig. Sie hängt unter anderem vom Umfang, vom Format, von der Zahl der Stakeholder, von rechtlichen Prüfungen und vom Reifegrad des Ausgangsmaterials ab. Ein kleiner Einzelauftrag kann zügig vorbereitet sein; ein komplexes Marken- oder Medienprojekt braucht mehr Vorlauf, bevor die eigentliche Kreativarbeit sinnvoll beginnt.
Puffer sind dabei kein Zeichen schlechter Planung. Sie sind eine Reaktion auf die Tatsache, dass Feedback nicht immer sofort gebündelt vorliegt. Erste Entwürfe werden selten ohne Anpassung übernommen. Das ist nicht automatisch ein Problem, sondern Teil des Prozesses. Problematisch wird es, wenn Feedbackschleifen im Zeitplan nicht vorgesehen sind und jede Korrektur so behandelt wird, als sei sie eine unvorhersehbare Ausnahme.
Vor dem Kick-off sollten deshalb folgende Fragen beantwortet sein:
- Wann wird die erste konzeptionelle Richtung vorgestellt?
- Wie viel Zeit hat die Kundenseite für gebündeltes Feedback?
- Wer prüft rechtliche, technische oder fachliche Anforderungen?
- Welche Änderungen gehören noch zur vereinbarten Leistung?
- Was passiert, wenn eine Entscheidung nicht rechtzeitig getroffen wird?
- Welcher Termin ist wirklich fix, und welcher ist nur ein Wunschdatum?
Ein guter Zeitplan enthält nicht nur Liefertermine der Agentur. Er macht ebenso sichtbar, wann der Auftraggeber liefern, prüfen und entscheiden muss. Das verhindert die verbreitete Illusion, Zeitverzug entstehe ausschließlich auf Produktionsseite.
Entscheidungsstrukturen klären: Wer gibt das finale Go?
Das teuerste Briefing-Defizit ist häufig organisatorischer Natur: unklare Hierarchien, widersprüchliches Feedback und mehrere Entscheider mit unterschiedlichen Vorstellungen. Die Agentur produziert dann nicht nur eine kreative Leistung, sondern moderiert nebenbei einen internen Konflikt.
Vor dem Kick-off sollte deshalb eine Person als Hauptansprechpartner benannt werden. Diese Person muss nicht jede fachliche Frage selbst beantworten. Sie muss aber das Briefing verantworten, Rückmeldungen bündeln und Entscheidungen herbeiführen können. Wenn Geschäftsführung, Marketing, Vertrieb und Produktmanagement parallel Anweisungen geben, wird aus dem Briefing schnell eine Sammlung konkurrierender Aufträge.
Eindeutig geregelt werden sollten:
- Hauptansprechpartner: Wer kommuniziert mit der Agentur und bündelt Rückfragen?
- Entscheidungsbefugnis: Wer darf eine Richtung freigeben oder verwerfen?
- Fachliche Prüfung: Wer verantwortet Recht, Datenschutz, Technik, Compliance oder Fachinhalte?
- Externe Stakeholder: Müssen Vorstand, Lizenzpartner, Sprecher oder andere Dienstleister zustimmen?
- Feedbackformat: Werden Kommentare in einem Dokument, in einer Plattform oder in einem gemeinsamen Termin gesammelt?
- Fristen: Bis wann muss Feedback vorliegen, damit der Projektplan hält?
- Änderungsprozess: Wie wird mit neuen Anforderungen umgegangen, die nach der Freigabe auftauchen?
Wer drei Stimmen auf Kundenseite ohne Entscheidungsregel laufen lässt, kauft kein Briefing – er kauft ein Eskalationsmeeting mit Honorarnote.
Eine Agentur ist Dienstleister, nicht Schiedsrichter. Sie kann unterschiedliche Interessen sichtbar machen und bei der Bewertung helfen. Sie kann aber nicht anstelle des Auftraggebers entscheiden, welche interne Position verbindlich ist. Diese Entscheidung gehört in die Organisation des Kunden – am besten, bevor die erste kreative Richtung präsentiert wird.
Budgettransparenz und Asset-Übergabe: Die oft unterschätzte Vorbereitung
Zwei Punkte fehlen in vielen Briefings, obwohl sie den Projektverlauf unmittelbar beeinflussen: der Budgetrahmen und die Übergabe vorhandener Materialien.
Beim Budget reicht die Formulierung „so günstig wie möglich“ nicht aus. Sie sagt weder, welche Leistung erwartet wird, noch welche Kompromisse akzeptabel sind. Ein realistischer Budgetkorridor ermöglicht es der Agentur, Aufwand, Produktionsniveau und Lösungsraum zusammenzudenken. Eine Podcast-Serie mit redaktioneller Entwicklung, Aufnahme, Schnitt und Distribution folgt einer anderen Kalkulation als ein einzelner Trailer. Ein Markenfilm mit mehreren Drehtagen ist nicht mit einer animierten Social-Ad vergleichbar.
Der Budgetrahmen muss nicht zwingend als letzte Zahl genannt werden. Er sollte aber erkennen lassen, ob die Agentur eine schlanke Lösung, eine ausbaufähige Pilotphase oder eine umfassende Produktion entwickeln soll. Auch Prioritäten helfen: Was ist unverzichtbar, wo darf reduziert werden, und welche Option wäre nur bei zusätzlichem Spielraum sinnvoll?
Ebenso wichtig ist die Asset-Übergabe. Dazu können gehören:
- Logo- und Designdateien in den tatsächlich benötigten Formaten,
- Brand-Guidelines und bisherige Kampagnen,
- vorhandene Bild-, Film- und Audiomaterialien,
- Informationen zu Nutzungsrechten und Lizenzen,
- redaktionelle Unterlagen und fachliche Quellen,
- Zugänge oder Exporte aus relevanten Plattformen,
- bisherige Performance- oder Reichweitendaten,
- Listen mit gesperrten Begriffen, Themen oder Motiven.
Der Satz „Sucht euch das Passende aus“ ist keine Übergabe, sondern eine zusätzliche Rechercheaufgabe. Wenn die Agentur erst herausfinden muss, welche Dateien aktuell, freigegeben und rechtlich verwendbar sind, beginnt das Projekt mit Sortierarbeit. Das kann notwendig sein, sollte aber als eigener Aufwand erkannt und eingeplant werden.
Interne Abstimmung vor dem Agentur-Termin
Das Briefing entsteht nicht im luftleeren Raum. Bevor der Kick-off stattfindet, sollten die relevanten internen Stakeholder die finale Fassung gesehen und ihre Zuständigkeit geklärt haben. Das bedeutet nicht, dass jede Person an jeder Formulierung mitschreiben muss. Es bedeutet, dass Widersprüche vor dem Agenturtermin sichtbar werden.
Typische Konflikte sind schnell beschrieben: Das Marketing möchte eine jüngere Zielgruppe erreichen, der Vertrieb hält die bisherige Kernkundschaft für unverzichtbar. Die Geschäftsführung erwartet einen mutigen Markenauftritt, die Rechtsabteilung will jede offene Formulierung vermeiden. Die Redaktion plant eine persönliche Gesprächsführung, während die Marke eigentlich einen sachlichen Expertenkanal verlangt.
Solche Spannungen sind normal. Sie werden nur teuer, wenn sie erst nach der ersten Konzeptpräsentation auftauchen. Die Lösung ist nicht, immer mehr Personen in den kreativen Prozess zu setzen. Die Lösung ist eine konsolidierte Position mit klarer Verantwortung.
Briefing ist Teamarbeit, aber kein Meinungsmarkt. Die Agentur sollte eine abgestimmte Aufgabe erhalten und nicht die Hoffnung, im Kick-off werde sich schon herausstellen, was das Unternehmen eigentlich möchte.
Der Unterschied zwischen Briefing und Brief
Ein Briefing ist kein formeller Brief an die Agentur, sondern eine Vorbereitung auf eine gemeinsame Aufgabe. Der Unterschied wirkt klein, ist aber entscheidend. Ein Auftrag beschreibt häufig, was getan werden soll. Ein Briefing erklärt zusätzlich, warum es getan wird, welche Wirkung erwartet wird und unter welchen Bedingungen gearbeitet werden muss.
| Element | Auftrag | Briefing |
|---|---|---|
| Perspektive | Der Auftraggeber fordert eine Leistung an | Der Auftraggeber liefert Kontext und Ziel |
| Inhalt | Was soll entstehen? | Warum, für wen und unter welchen Bedingungen? |
| Rolle der Agentur | Ausführung einer Vorgabe | Entwicklung einer passenden Lösung |
| Typischer Fehler | Detailvorgaben ersetzen die Strategie | Ziele bleiben zu allgemein |
| Ergebnis | Eine erledigte Aufgabe | Eine gemeinsame Arbeitsgrundlage |
Wer ein Briefing wie einen knappen Bestellzettel formuliert, bekommt womöglich genau das Bestellte – aber nicht unbedingt das, was das Unternehmen braucht. Das gilt für Design ebenso wie für redaktionelle Formate, Audio-Produktionen und Kampagnen.
Ein gutes Briefing darf daher auch offene Fragen enthalten. Wenn die Zielgruppe noch präzisiert werden muss oder die richtige Ausspielung unklar ist, sollte das benannt werden. Offenheit ist produktiv, solange sie sichtbar und bearbeitbar ist. Verdeckte Unklarheit wird dagegen meist erst dann erkennbar, wenn bereits Zeit und Budget in eine Richtung geflossen sind.
Was vor dem Kick-off tatsächlich vorliegen sollte
Eine Vorbereitung für das Briefing mit der Kreativagentur muss nicht in jedem Projekt gleich umfangreich sein. Sie sollte aber die Informationen enthalten, die für die erste Entscheidung notwendig sind. Als Arbeitsgrundlage helfen diese Punkte:
1. Geschäftsanlass definieren: Was löst das Projekt aus – Marktdruck, neue Zielgruppe, Repositionierung, Produktstart oder ein internes Kommunikationsproblem?
2. Zielgruppe beschreiben: Wer soll erreicht werden, in welchem Umfeld und mit welcher Erwartung?
3. Gewünschte Wirkung formulieren: Was soll das Publikum nach dem Kontakt wissen, fühlen oder tun?
4. Liefergegenstände benennen: Welche Formate und Kanäle sind gesetzt? Was ist Pflicht, was nur eine erste Idee?
5. Budgetrahmen einordnen: Welcher Lösungsraum ist realistisch, und welche Prioritäten gelten?
6. Markenleitplanken liefern: Welche Werte, Gestaltungselemente, sprachlichen Regeln und Tabus müssen berücksichtigt werden?
7. Referenzen kommentieren: Was genau funktioniert an einem Beispiel – und was ausdrücklich nicht?
8. Zeitplan mit Entscheidungspunkten erstellen: Wann werden Konzept, Zwischenstand und finale Fassung geprüft?
9. Feedbackschleifen einplanen: Wer gibt Rückmeldung, in welcher Form und innerhalb welcher Frist?
10. Entscheidungsstruktur festlegen: Wer bündelt das Feedback und gibt am Ende das finale Go?
11. Assets und Rechte organisieren: Welche Materialien stehen zur Verfügung, und darf die Agentur sie tatsächlich verwenden?
12. Interne Abstimmung sichern: Sind die wichtigsten Stakeholder auf eine gemeinsame Aufgabenbeschreibung verpflichtet?
Diese Punkte sind keine starre Vorlage. Ein kleines Designprojekt braucht nicht dieselbe Dokumentation wie eine mehrteilige Podcast-Produktion. Entscheidend ist, dass das Briefing die Komplexität des Vorhabens abbildet. Je mehr Abhängigkeiten, Beteiligte und Ausspielwege ein Projekt hat, desto wichtiger wird die Vorbereitung.
Fazit: Ein Briefing ist Geschäftsgrundlage, nicht Bürokratie
Wer eine Kreativagentur beauftragt, kauft Strategiekompetenz, Produktionskapazität und die Fähigkeit, aus einer Aufgabe eine tragfähige Lösung zu entwickeln. Das Briefing ist die Stelle, an der der Auftraggeber seinen Teil dieser Zusammenarbeit sichtbar macht.
Die dafür nötige Vorbereitungsdauer lässt sich nicht seriös pauschal festlegen. Sie hängt vom Umfang des Projekts, von der Branche, vom Reifegrad der Marke, von der Zahl der Beteiligten und von den erforderlichen Freigaben ab. Ein kompakter Auftrag kann mit wenigen klaren Entscheidungen startbereit sein. Ein komplexes Medienprojekt braucht möglicherweise deutlich mehr Zeit, bevor ein sinnvoller Kick-off überhaupt möglich ist.
Die richtige Frage lautet deshalb nicht, wie viele Stunden oder Tage ein Briefing dauern darf. Die richtige Frage lautet: Sind die wesentlichen Entscheidungen getroffen, oder soll die Agentur sie erst auf eigene Kosten und im laufenden Projekt herausarbeiten?
Wer Ziel, Zielgruppe, Rahmen, Freiraum und Entscheidungswege sauber vorbereitet, gibt der Agentur die Möglichkeit, auf professionellem Niveau zu arbeiten. Wer diese Hausaufgabe überspringt, bezahlt oft nicht für mehr Kreativität, sondern für nachträgliche Klärung. Kreativprojekte funktionieren nicht deshalb besser, weil ihr Start besonders feierlich inszeniert wird. Sie funktionieren besser, wenn beim Kick-off bereits klar ist, worüber eigentlich entschieden werden soll.